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Ratgeber

Die richtige Trinktemperatur

Zu kalt tötet die Nase, zu warm macht den Alkohol präsent. Ein Leitfaden.

Ronja Clemens · 3 Min Lesezeit

Temperatur ist einer der wenigen Parameter beim Weingenuss, den Sie vollständig selbst kontrollieren. Kein besonderes Glas, kein Weinkeller nötig — nur ein bisschen Wissen und ein Thermometer, falls Sie es genau nehmen wollen. Ich erkläre, warum Temperatur so viel ausmacht und wie Sie im Alltag unkompliziert das Beste aus einer Flasche herausholen.

Das Problem mit Zimmertemperatur

"Bei Zimmertemperatur servieren" steht auf vielen Etiketten. Das klingt praktisch, ist aber ein historisches Missverständnis. Die Empfehlung stammt aus englischen Speisekammern des 19. Jahrhunderts — unbeheizte Räume mit konstant 16–18 °C. Moderne Wohnzimmer sind im Sommer schnell bei 22–24 °C. Das ist für die meisten Rotweine schlicht zu warm.

Bei zu hoher Temperatur verflüchtigt sich Alkohol schneller. Der Wein wirkt scharf, fast brandig. Die feinen Fruchtaromen treten in den Hintergrund, Tannine werden weicher, aber die Balance geht verloren.

Zu kalt ist das andere Extrem. Unter 8 °C sind Aromen kaum noch wahrnehmbar — die flüchtigen Verbindungen, die eine Nase interessant machen, bleiben im Glas gefangen. Ein guter Weißwein schmeckt dann wässrig, Säure tritt übermäßig hervor.

Richtwerte pro Weintyp

Weintyp Temperatur
Sekt & Champagner 6–8 °C
Leichte Weißweine (Silvaner, Sauvignon Blanc) 8–10 °C
Gehaltvolle Weißweine & Rosé (Grauburgunder, Riesling Spätlese) 10–12 °C
Leichte Rotweine (Spätburgunder, Trollinger) 12–14 °C
Kräftige Rotweine (Dornfelder, Lemberger) 14–16 °C
Edelsüße Weine (Auslese, Trockenbeerenauslese) 6–8 °C

Diese Richtwerte sind keine Dogmen. Probieren Sie ruhig mal einen Spätburgunder bei 12 °C — die Frucht kommt schöner heraus als bei 18 °C, das überrascht viele.

Praxistipps

Weißwein zu warm? 30 Minuten in den Kühlschrank — nicht mehr, sonst überkühlt er. Bei einer vollen 0,75-l-Flasche dauert es tatsächlich eine halbe Stunde, bis die Temperatur merklich sinkt.

Rotwein zu warm? 15 Minuten im Kühlschrank helfen. Klingt komisch, ist aber effektiv. Stellen Sie die Flasche aufrecht, damit sich die Kühlung gleichmäßiger verteilt.

Ice Bucket für Weißwein? Nur als Notfalllösung. Wasser und Eis kühlen schnell, aber das Glas wärmt sich sofort wieder auf, sobald Sie einschenken. Besser: Flasche konsequent im Kühler lassen und nur bei Bedarf einschenken.

Ich verwende im Keller ein einfaches Weinthermometer (kostet unter 10 Euro) und kontrolliere kurz vor dem Servieren. Das klingt pedantisch, aber der Unterschied zwischen 12 °C und 18 °C bei einem guten Spätburgunder ist für jeden spürbar — auch ohne Training.

Ein letzter Hinweis: Wein wärmt sich im Glas schnell auf. Schenken Sie lieber etwas zu kühl ein und lassen Sie ihn in Ruhe auf Trinktemperatur kommen. Das gilt besonders im Sommer, wenn die Raumtemperatur hoch ist.

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